Das Dattātreyayogaśāstra

Geschichte des Haṭhayogas Teil I: Das Dattātreyayogaśāstra

Dieser erste, in die Geschichte des Haṭhayogas einführende Blogpost soll über das Dattātreyayogaśāstra gehen, ein früher Haṭhayoga-Text, 2013 ins Englische übersetzt von James Mallinson (für die einen freien Zugang zu dieser qualitativ hochwertigen und übersichtlichen Übersetzung siehe hier).

Das Dattātreyayogaśāstra (DYŚ) ist zusammen mit der Vasiṣṭhasamhitā, dem Vivekamārtaṇḍa, dem Gorakṣaśataka und anderen Haṭhayoga-Texten ca. auf das 12./13. Jh. zu datieren. Welcher Text der älteste ist, kann nicht eindeutig festgestellt werden. Mallinsons Aussage von 2013, dass dies „the earliest text to teach haṭhayoga“ sei, dürfte durch einige neue Funde aufgeweicht sein. In jedem Fall ist das DYŚ der erste uns bekannte (!) Text, der Mantra-, Laya-, Haṭha-, und Rājayoga unterscheidet und als in sich abgeschlossene Systeme beschreibt.

„Haṭhayoga“ (HY) steht hier außerdem das erste Mal in der Geschichte des Yogas als Name für ein formalisiertes Yoga-System, auch wenn der Begriff schon wenige Jahrhunderte zuvor aufkommt, genauso wie sich auch schon Techniken des späteren Haṭhayogas früher zeigen, die allerdings noch nicht so heißen.

Das HY des DYŚs umfasst einerseits einen achtgliedrigen Pfad (aṣṭāṅgas), andererseits kennt es körperliche Techniken in der Tradition des Kapila. Diese beiden vorgestellten Haṭhayoga-Wege sind für das DYŚ unterschiedlicher Natur und nicht in ihren Praktiken miteinander vernetzt.

Die aṣṭāṅgas bringt der Text selbst nicht mit Patañjalis Yogasūtra in Verbindung, sondern führt sie auf den Weisen Yājñavalkya zurück (mehr dazu etwas weiter unten).

In diesem Abschnitt des Textes finden wir yamas und niyamas erwähnt, aber bis auf zwei nicht genauer ausgeführt und es ist ein sitzendes āsana, und zwar padmāsana, der Lotussitz beschrieben. In diesem soll prāṇāyāma, sollen also Atemtechniken ausgeführt werden: Z.B. Atem anhalten unterstützt von Ein- und Ausatmung (sahita kumbhaka) und zwar morgens, mittags, abends und mitternachts je 20x. Die Technik, die hier beschrieben wird ist deckungsgleich mit der uns heute bekannten Wechselatmung: links einatmen, Atem anhalten, rechts ausatmen, rechts ein, anhalten, links aus etc. Diese Atemtechnik ist also schon richtig alt. Drei Monate auf diese Weise praktiziert, soll sich vor allem Reinigung der nāḍis, der Energiekanäle einstellen.

Pratyāhāra, Sinnesrückzug, entsteht, wenn der Yogin drei Stunden lang kevala kumbhaka, also „alleiniges Atemanhalten“ ausführt. (^^) Ob man wirklich drei Stunden den Atem anhalten kann, ist mir nicht bekannt. Der Text zeigt uns aber in jedem Fall eine sehr intensive Yogapraxis, die zwar ohne große Betätigung der großen körperlichen Glieder auskommt, aber ein extremes Training und große Kontrolle des Respirationssystems und damit auch des Nervensystems verlangt.

Dazu noch eine interessante Überlegung zu verschiedenen historischen Linien von aṣṭāṅgas: Im Zuge meiner Interviews für meine Doktorarbeit erzählte mir ein Schüler von Pattabhi Jois, dass er aus verschiedenen Gründen glaube, dass sich Jois oftmals gar nicht auf die aṣṭāṅgas der Patañjali-Tradition, sondern auf die eines Haṭhayoga-Textes namens Yogayājñavalkya aus dem 13./14. Jh. bezogen habe (also ebenfalls in der Tradition des Yājñavalkya stehend), auch wenn Jois stets betonte „This is Patañjali Yoga“. Die Yogayājñavalkya beschreibt je 10 yamas und niyamas, eines der yamas ist laghu āhāra, „mäßiges/leichtes Essen“, welches bekanntlich nicht im Yogasūtra vorkommt. Ein ähnliches yama finden wir im DYŚ, allerdings unter dem Namen „mita āhāra“. Es ist das einzige, das vom DYŚ namentlich erwähnt wird. Mir scheint es durchaus im Bereich des Möglichen, dass Jois sich mit seinem Verständnis der aṣṭāṅgas oft auf die Yogayājñavalkya, also auf die Haṭhayoga-Tradition bezog und nicht auf Patañjalis Yogasūtra.

Zurück zum DYŚ: Neben den aṣṭāṅgas beschreibt der Text einen weiteren Hathayoga-Zugang. Darunter versammeln sich elf Techniken, die auf den Weisen Kapila zurückgeführt werden (lest euch die Übersetzung durch, um mehr über die Natur dieser großteils asketischen Techniken zu erfahren!):

  1. Mahāmudrā

  2. Mahābandha

  3. Mahāvedha

  4. Khecarīmudrā

  5. Jālandharabandha

  6. Uḍḍiyāṇabandha

  7. Mūlabandha

  8. Viparītakaraṇam

  9. Vajroli

  10. Amaroli

  11. Sahajoli

Im Mittelpunkt stehen hier also mudrās und bandhas. Sie bleiben ein wesentliches Charakteristikum des Haṭhayogas, die Beschreibungen aus dem Dattātreyayogaśāstra werden in die Haṭhapradīpikā (15. Jh.) und in viele andere spätere Haṭhayoga-Texte übernommen.

Ich hoffe, ihr habt Interesse bekommen, den Text zu lesen – for free!! – es gibt noch viel mehr Interessantes darin zu entdecken. Viel Spaß damit!

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Im Zuge dessen erscheint Ende 2020 eine neue und ausführlichere Edition und Übersetzung des Dattātreyayogaśāstras von Mallinson!

Titelbild: Shaiva ascetics performing tapas.
Quelle: British MuseumCC BY-NC

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