Yoga und westliche Spiritualität
Eine verschlungene Geschichte
Ein Yogalehrer fragte mich letztens, warum Yoga heute eigentlich mit allen möglichen spirituellen, esoterischen oder alternativen Themengebieten verknüpft wird, die in der Yogageschichte nicht zu finden sind. Zum Beispiel Astrologie und Manifestation, Heilkräuter und Essential Oils, Schamanismus, neuheidnische Feste und Rituale sowie Tarot, Manifestation, Journaling, Kakozeremonien und die Liste könnte noch weitergehen. Warum solche Verbindungen aktuell nur noch zuzunehmen scheinen (und sich häufig mit Verschwörungsglauben vermischen), darüber kann ich nur mutmaßen. Aber historisch gesehen ist es eine sehr spannende Fragestellung, der sich die folgenden Gedanken widmen.
Beispielhaft möchte ich mit meiner eigenen Geschichte beginnen: 2004 kam ich über einen Krankenkassenkurs zum Yogaüben, weil ich vom Schulstuhl Rückenschmerzen hatte und zudem mein ausgeprägtes Körpergefühl aus Kinderjahren wiedergewinnen wollte, die von Leistungssport Ballett geprägt waren. Und im Jugendalter durchforstete ich zum Leidwesen meiner Mutter das damals noch sehr langsame Internet nach Heilkräutern und Heilsteinbedeutungen und war in einem sogenannten Hexenforum recht aktiv. Ich war also schon mit 15 voll drin in esoterischen Kreisen, genauer im Neopaganismus, auf den ich gleich näher eingehen werde. Soviel vorweg: Der Neopaganismus, oder das Neuheidentum ist eine religiös-spirituelle Bewegung im Westen, der es darum ging und geht, vorchristliche Religionen und ihre Bräuche und Rituale wiederzubeleben.
Aber erstmal zurück zu meiner persönlichen Yogageschichte: In ihr finden sich wichtige inhaltliche »Böden«, auf die der Same des Yoga fiel, als er in den Westen gelangte:
Yoga für Gesundheit als treibender Faktor für die Popularität heutigen Yogas (Stichwort Krankenkassenbezuschussung),
Gymnastik und Tanz als ähnliche Körperbewegungssysteme, die viele Leute zum Yoga bringen und die eine westliche historische Wurzel von Körperyoga bilden sowie
mein früher Kontakt mit alternativen, oftmals spirituellen Weltanschauungssystemen wie der Neopaganismus bzw. das Neuhexentum, die auch eine Öffnung für »östliche« und damit alternative Weltanschauungssysteme mit sich bringen können. Es ist also gut möglich, dass mich meine Vorgeschichte empfänglich für Yogainhalte verschiedener Art machte.
Lasst mich nun ein wenig ausholen, um einige Zusammenhänge erklären. Zuerst zum einheimischen »Boden«, in dem sich Yoga verwurzeln konnte, als er in den Westen kam. Die hinter diesem Bild stehende simple Einsicht ist, dass die vor Ort bestehenden Voraussetzungen stimmen müssen, wenn sich ein Kulturgut aus einer fremden Kultur in einer neuen kulturellen Umgebung ansiedeln möchte. Der neue »Boden« sollte richtig beschaffen und fruchtbar sein und vielleicht bereits ähnliche Pflanzengattungen beheimaten. Dementsprechend setzt die Religionswissenschaftlerin Anya Foxen den modernen Körperyoga mit einem Lotus gleich und die westliche Körperkultur, insbesondere die harmonische Gymnastik mit einer Seerose und kommt zum Schluss: Der Yoga-Lotus konnte sich nur im Westen ansiedeln, weil es bereits Körperkultur-Seerosenteiche gab.1
Ebenso lag die Tatsache, dass Yoga als Weltanschauung im Westen Fuß fassen konnte, an diversen alternativen Strömungen, die sich oft in Abgrenzung zum Christentum ausgebildet hatten und auch offen für alternative Sinnsysteme aus anderen Kulturen waren. Hätten solche alternativen Strömungen nicht bereits existiert, wäre Yoga wohl schnell wieder verschwunden und uns heute vielleicht unbekannt. Und nun zum richtig wichtigen Punkt: Dem Neuheidentum zugewandte Menschen interessierten sich nicht nur für Yogainhalte, sie vermischten ihre eigenen Lehren und Glaubenssysteme mit Yogainhalten und schufen etwas Neues: Ein Lotus-Seerosen-Hybrid sozusagen, um mit Anya Foxen zu sprechen. Und genau so ein Hybrid ist das, was dem anfangs erwähnten Yogalehrer aufgefallen ist: Zwei bzw. mehrere Traditionen haben sich vermischt und bilden heute ein unübersichtliches Geflecht aus verschiedenen Weltanschauungen, Bräuchen, Riten und Praktiken.
Womit wir zurück beim Neopaganismus oder Neuheidentum wären, laut Wikipedia fallen unter den Begriff »seit dem 19. Jahrhundert aufgekommene religiöse und kulturelle Strömungen, die sich vor allem an antikem, keltischem, germanischem und slawischem Heidentum sowie an außereuropäischen ethnischen Religionen orientieren«. Vereinfacht gesagt kann der Neopaganismus als eine Strömung der Esoterik verstanden werden. Seine Geschichte führt uns zurück in die Renaissance, eine Zeit, in der antike Mythologie und Philosophie wiederentdeckt wurden, in der das Tarot-Spiel aufkam und sich Gegenstimmen zum vorherrschenden Christentum ausbildeten, die zum Beispiel auf Naturverehrung fußten und häufig pantheistische Ansichten vertraten. Auch andere esoterische Inhalte kamen in der Renaissance zu einer neuen Blüte: Ausschlaggebend war zum Beispiel die Wiederentdeckung des Corpus Hermeticum im Jahr 1463, eine Sammlung esoterischer Texte von ca. 100–300 n.u.Z., die von spirituellem Aufstieg und Befreiung, von kosmischen Entsprechungen (»wie der Makrokosmos so der Mikrokosmos«) und der göttlichen Präsenz in der Welt erzählen.
Im 19. Jahrhundert kamen Neuheidentum und Esoterik zu ihren vollen Ausprägungen und es vermischten sich neopagane Inhalte mit der naturverehrenden Romantik und dem mystischen Okkultismus. Romantiker und Okkultisten zeigten auch Interesse an östlichen Lehren wie Yoga und Buddhismus. Im frühen 20. Jahrhundert entstanden moderne Formen des Hexentums wie Wicca, die ebenfalls häufig neopagan geprägt sind. Damit kam ich in jenem Hexenforum noch im frühen 21. Jahrhundert in Kontakt und auch die heutige Yogaszene durchdringt Wicca zunehmend.
Durch die teils ebenfalls neuheidnisch geprägte Lebensreformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts gingen manche neopagane Inhalte unter anderem verpackt als Naturkult, Nudismus, ökologische Lebensführung und in Form einer neuen, alternativen Spiritualität in die Moderne ein. Zu dieser Zeit dann gab es direkte Verbindungen zwischen Yoga und Neuheidentum, da es zwischen Lebensreformbewegung und Yoga zahlreiche Verbindungspunkte gab. Zu einer erneuten Blüte fand der Neopaganismus in der New Age-Bewegung der 1980er Jahre, ebenfalls eine alternativ-spirituelle Strömung, die Yoga stark beeinflusste. Wichtig ist dabei, zu verstehen, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen westlichen und indischen Sinnsystemen gibt: Naturheilkunde (Ayurveda), Astrologie, Channeling, Seelenwanderung, die Vorstellung, dass man über den Mikrokosmos (zum Beispiel mittels des Körpers) auf den Makrokosmos (zum Beispiel auf Erlösung) einwirken könne und einiges mehr.
Wo also Tarot, der Fokus auf die Kraft der Natur (in Form von Heilkräutern oder Ölen), Manifestation und Astrologie herkommen? Zu einen großen Teil entstammen sie den alternativ-religiösen »Blüten« des Westens, die seit Beginn der Rezeptionsgeschichte des Yoga neue Kreuzungen mit indischen Lehren ausbildeten. Ohne diese Vorgeschichte gäbe es Yoga im 21. Jahrhundert aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Und es ist nicht weiter verwunderlich, dass diese einheimischen religiös-spirituellen Wurzeln noch immer bestehen und sich wellenweise mal mehr, mal weniger mit Yogainhalten vermischen.
Zuletzt ein paar abschließende Gedanken: Wenn man die indische Yogageschichte differenziert betrachtet, gab es einen »reinen« Yoga zwar sowieso noch nie. Seit dem Kulturkontakt mit dem Westen kommen jedoch neue Hybride hinzu, wie jener aus Neopaganismus im breiteren Sinne und Yoga. Das ist nicht zu vermeiden, da es einige Übereinstimmungen zwischen den Systemen gibt.
Wichtig ist meiner Ansicht nach nur
sich der eigenen geschichtlichen Wurzeln bewusst zu sein und
anderen Menschen, mit denen man diese Inhalte teilt, deutlich zu machen, dass Schamanismus, neuheidnische Feste und Rituale, Tarot, Manifestation, Journaling und Kakozeremonien zwar teils Ähnlichkeiten mit indischen Traditionen aufweisen mögen, aber eben nicht der Yogageschichte entstammen, sondern einer esoterischen, neopaganen oder auch New Age-Geschichte des Westens.
„Indeed, just as Svāmi Vivekānanda’s Raja Yoga combines practical instruction on prāṇāyāma and meditation with a lofty discourse on Eastern and Western esoteric teachings, the Yogacintāmaṇi combined the practical instructions of earlier Haṭhayoga texts with the philosophy and metaphysics of Pātañjalayoga, Advaitavedānta, Tantric Śaivaism and so on.“
Der Yogasūtra-Kommentar Raja Yoga des hinduistischen Mönchs Swami Vivekānanda von 1896 war demnach per se nichts Neues, sondern baute auf solchen synthetischen Grundlagen auf, die sich bereits in den Jahrhunderten zuvor in Indien ausgebildet hatten. Trotzdem führte Vivekānanda ausgerechnet jene heute so wichtige Vernetzung von Pātañjalayoga und Haṭhayoga in Raja Yoga, dem ersten modernen, englischsprachigen Yogasūtra-Kommentar, den die Welt zu Gesicht bekommen sollte, nicht fort (S. 91–99). Er bediente sich darin zwar praktischen Haṭhayoga-Inhalten, wie vereinfachten Pranayama-Techniken, aber degradierte Haṭhayoga gleichzeitig als minderwertigen Yoga. Trotzdem wurde das Yogasūtra durch Vivekānanda zu einem praktischen, alltagstauglichen, an die westliche Moderne angepassten Lehrwerk, das sich, um wirklich gangbare »Praktiken« zu beinhalten, zunehmend mit anderen Yogatraditionen vermischte oder aber vereinfachte Atem- und Konzentrationspraktiken u.ä. anbot. Eine Entwicklung, die Krishnamacharya weiterführen und ausbauen sollte, der jedoch im Gegensatz zu Vivekānanda ein strukturiertes, āsana-basiertes Yogasystem entwickelte und dieses mit dem Yogasūtra vernetzte.
Und ebenso wie der in Nordindien tätige Swami Sivananda, der seine Lehre über englischsprachige Briefe erfolgreich global verbreitete, auch bis nach Deutschland, waren Krishnamacharya sowie seine Schüler Jois und Iyengar Bhaktis. Das bedeutet, dass sie verschiedenen religiösen Unterformen des Hinduismus anhingen. Zwar beinhaltet der Text in Sūtra I/23 durchaus eine Referenz auf īśvara, »Gott«, diese ist jedoch eher vage und kann wohl als Imagination für die Meditation verstanden werden. Trotzdem wurde das Yogasūtra bereits in den Jahrhunderten zuvor, jedoch verstärkt durch die einflussreichen Yogalehrer des frühen 20. Jahrhunderts zu einem devotionalen Werk.
Foxen, Anya, Kuberry, Christa (2021): Is this Yoga? Concepts, Histories, and the Complexities of Modern Practice, London and New York: Routledge, S. 147f. Dabei muss angemerkt werden, dass Haṭhayoga im frühen 20. Jahrhundert bereits in Indien selbst durch die innovative Arbeit von Yogapionieren an die Moderne angepasst und dementsprechend verändert wurde. Beispielsweise wurden Praktiken vereinfacht, den modernen Lebensrhythmen angemessen strukturiert und mit westlichen Vorstellungen von Gesundheit verknüpft.
Dazu mehr im folgenden Post mit dem Titel: »Yogageschichte II: Das Yogasūtra im 20. Jahrhundert und in der Krishnamacharya-Linie bis hin zum heutigen Ashtanga Yoga«.
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LITERATUR: Birch, Jason (2014). »Rājayoga: The Reincarnations of the King of All Yogas«. International Journal of Hindu Studies, 17 (3), 401–444.