Ein Text in Bewegung
Science Love-Story Teil II
Yogageschichte I:
Wie das Yogasūtra zu einem vedāntisch-monistischen und praktischen Lehrwerk wurde
Alle Seitenangaben ohne Autorenangabe beziehen sich auf mein Buch „Ein Text in Bewegung. Das Yogasūtra als Praxiselement im Ashtanga Yoga“, das du hier kostenlos runterladen kannst.
Im historischen Teil meines Buches habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie sich der Umgang mit dem Yogasūtra in der indischen Geistesgeschichte im Laufe der Zeit geändert hat. Zusätzlich habe ich mich auf die Rezeption im Westen und konkret in Deutschland konzentriert. Wie der Titel meines Buches ja schon verlauten lässt, lag mein besonderer Fokus darauf, wie und wodurch das Yogasūtra (YS) zu einem Lehrwerk für praktische und dezidiert mit Körperarbeit vernetzte Yogaverständnisse wurde. Der Knackpunkt bei dieser Fragestellung ist die Tatsache, dass das YS, und zwar in seinem Kommentarteil, dem sogenannten Bhāṣya, nur sitzende (und eine liegende) Körperübungen beschreibt. Es ist also kein Text, mit dem die heutige Yogapraxis zu begründen wäre.
Ein in meinem Buch wichtiges Beispiel für eine solche Vernetzung von Text und Praxis ist der südindische Brahmane, Gelehrte und Yogapionier T. Krishnamacharya. Er popularisierte in den 1930er Jahren am Königspalast von Mysore in Südindien ein mit einer Körperpraxis in Zusammenhang stehendes Yogaverständnis, das durch seine Schüler*innen in die Welt getragen wurde und modernes Yoga grundlegend geformt hat (S. 107–124). Besonderer Fokus lag in meiner Arbeit auf Krishnamacharyas Schüler K. Pattabhi Jois (S. 125–149), aber auch auf B.K.S Iyengar als weitere wichtige Schnittstelle zwischen Krishnamacharya und einem westlichen, modernen Yogaverständnis (S. 177–181).
Zuvor habe ich mich jedoch mit der YS-Rezeption in der Vormoderne und der vorkolonialen Zeit beschäftigt, mit Fokus auf Indien sowie auf Deutschland. Herausgekommen ist Folgendes: Auch wenn der Religionshistoriker David Gordon White in seinem Buch The Yoga Sutra of Patanjali von 2014 etwas anderes behauptete, ist die Forschung mittlerweile zum Schluss gekommen, dass das Yogasūtra durchgehend das wichtigste Yogawerk für intellektuelle, brahmanische Yogatraditionen war (S. 75f.). Und wie viele von euch sicher wissen, wird Sūtra-Literatur stets von einer autoritativen Kommentarliteratur begleitet, beim YS war dies insbesondere das Bhāṣya, der früheste Kommentar, der laut dem Indologen Philipp Maas möglicherweise vom gleichen Autor wie das Yogasūtra selbst stammt (S. 69). Der letzte große, autoritative Kommentar ist auf das 16. Jahrhundert zu datieren, das Yogavārttika von Vijñānabhīkṣu, einem Anhänger des Advaita Vedānta, diese monistische und einflussreiche Strömung der indischen Geistesgeschichte (S. 79). Seitdem, also schon lange vor Swami Vivekānandas einflussreichem Werk Raja Yoga von 1896, verwandelt sich das YS von einem ursprünglich dualistischen in ein monistisches, advaita-vedāntisches Werk. Und als ein solches wurde es von allen einflussreichen indischen Yogalehrern des 20. Jahrhunderts und wird es auch heute häufig noch verstanden und interpretiert. Damals wurde zum Beispiel puruṣa, der Seelenbegriff des Yogasūtras, durch den vedāntischen Begriff ātman ersetzt – auch wenn die beiden Vorstellungen nicht deckungsgleich sind. Etwas, das noch heute gängig ist.
Im 17. Jh. folgte dann, von Vijñānabhīkṣus Linie ausgehend, ein vedāntisch geprägtes Yogasūtra-Revival in Südindien und es entstanden neue Arten von Kommentaren, die Patañjalis Werk zunehmend mit Inhalten anderer Traditionen verbanden. Im Zuge dessen ereignete sich auch eine neue und zukunftsträchtige Art von Verschmelzung und zwar die Verbindung von Pātañjalayoga und Haṭhayoga, letztere eine ebenfalls vedāntisch geprägte Weltanschauung. Ein Beispiel dafür ist der Text Yogacintāmaṇi (ca. 1660 n.u.Z.), der neben vielen anderen Inhalten auch Techniken des Hathayogas zusammen mit Yogasūtra-Inhalten lehrt. Dazu schreibt der Indologe Jason Birch:
„Indeed, just as Svāmi Vivekānanda’s Raja Yoga combines practical instruction on prāṇāyāma and meditation with a lofty discourse on Eastern and Western esoteric teachings, the Yogacintāmaṇi combined the practical instructions of earlier Haṭhayoga texts with the philosophy and metaphysics of Pātañjalayoga, Advaitavedānta, Tantric Śaivaism and so on.“
Der Yogasūtra-Kommentar Raja Yoga des hinduistischen Mönchs Swami Vivekānanda von 1896 war demnach per se nichts Neues, sondern baute auf solchen synthetischen Grundlagen auf, die sich bereits in den Jahrhunderten zuvor in Indien ausgebildet hatten. Trotzdem führte Vivekānanda ausgerechnet jene heute so wichtige Vernetzung von Pātañjalayoga und Haṭhayoga in Raja Yoga, dem ersten modernen, englischsprachigen Yogasūtra-Kommentar, den die Welt zu Gesicht bekommen sollte, nicht fort (S. 91–99). Er bediente sich darin zwar praktischen Haṭhayoga-Inhalten, wie vereinfachten Pranayama-Techniken, aber degradierte Haṭhayoga gleichzeitig als minderwertigen Yoga. Trotzdem wurde das Yogasūtra durch Vivekānanda zu einem praktischen, alltagstauglichen, an die westliche Moderne angepassten Lehrwerk, das sich, um wirklich gangbare »Praktiken« zu beinhalten, zunehmend mit anderen Yogatraditionen vermischte oder aber vereinfachte Atem- und Konzentrationspraktiken u.ä. anbot. Eine Entwicklung, die Krishnamacharya weiterführen und ausbauen sollte, der jedoch im Gegensatz zu Vivekānanda ein strukturiertes, āsana-basiertes Yogasystem entwickelte und dieses mit dem Yogasūtra vernetzte.
Und ebenso wie der in Nordindien tätige Swami Sivananda, der seine Lehre über englischsprachige Briefe erfolgreich global verbreitete, auch bis nach Deutschland, waren Krishnamacharya sowie seine Schüler Jois und Iyengar Bhaktis. Das bedeutet, dass sie verschiedenen religiösen Unterformen des Hinduismus anhingen. Zwar beinhaltet der Text in Sūtra I/23 durchaus eine Referenz auf īśvara, »Gott«, diese ist jedoch eher vage und kann wohl als Imagination für die Meditation verstanden werden. Trotzdem wurde das Yogasūtra bereits in den Jahrhunderten zuvor, jedoch verstärkt durch die einflussreichen Yogalehrer des frühen 20. Jahrhunderts zu einem devotionalen Werk.
Dazu mehr im folgenden Post mit dem Titel: »Yogageschichte II: Das Yogasūtra im 20. Jahrhundert und in der Krishnamacharya-Linie bis hin zum heutigen Ashtanga Yoga«.
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LITERATUR: Birch, Jason (2014). »Rājayoga: The Reincarnations of the King of All Yogas«. International Journal of Hindu Studies, 17 (3), 401–444.