Yoga im Spiegel: 1948/1949
Teil 1
Die 1940er: Yoga als Mentalkontrolle
Yoga Dixon in der Neuen Deutschen Wochenschau, 1951
„Einen vierzölligen Nagel schlug ein Hamburger Reporter dem Inder Yoga Dixon durch die Zunge. Eine Journalistin wurde ohnmächtig, dem Kameramann zitterten Hand und Kamera, nur einer blieb ruhig: Yoga Dixon. Neben dem Zungen-Durchschlag beherrscht der Fakir auch den Dauerschlaf von 19 Stunden, drei bis zehn Minuten unter der Erde. Mediziner waren den Künsten gegenüber kritisch. Sie schleiften ihn in ihre Operationssäle und veranstalteten die furchtbarsten Dinge. Der Inder ließ sich jede Menge Nägel durch Zunge und Hände schlagen. Sein Trick ist, so sagte er, daß er seine Gedanken ins Nichts lenke. Er hält das für natürlich. Hunger kennt er kaum. Er pflegt ständig die Hälfte seines Brotes zu verschenken.“
Diese faszinierende und unterhaltsam beschriebene historische Begebenheit ist in der Spiegel-Ausgabe 23/1948 nachzulesen. Es ist auch die erste Erwähnung von Yoga im Spiegel-Archiv, das allerdings erst im Jahre 1947 anläuft. Ein Hamburger Reporter schlug also einem indischen Yogin, der Yoga sogar in seinem Namen trägt, einen 10 cm langen Nagel durch die Zunge.
Einige Jahre später ist Yoga Dixon in Neuss zusammen mit seinem sechsjährigen Sohn (?) in Aktion zu sehen. Das Event wird in der Neuen Deutschen Wochenschau 55/1951 (ab min 0:03:14) gezeigt und wird auf der Seite des Bundesarchivs so zusammengefasst:
„Sechsjähriger Junge legt sich auf Scherben. Brett wird über ihn gelegt. Motorradfahrer fährt über Brett. Junge steht auf. Leute klatschen. Fakir legt sich hin. Brett wird über seinen Kopf gelegt. VW-Transporter fährt über Brett.“
Das Publikum, das der „Demonstration der berühmten indischen Yogalehre“ beiwohnte, bestand, soweit die Zuschauer zu sehen sind, ausschließlich aus Männern. Sie klatschten sichtlich gut unterhalten, nachdem der kleine Wilko Dixon lebendig und wie es scheint unverwundet aus der gefährlichen Nummer herausgeht.
Yoga Dixon geht es darum, den Körper mit Hilfe von Geisteskraft zu beeinflussen und zu kontrollieren – ein relevantes Thema in bestimmten Ausformungen des mittelalterlichen Haṭhayogas, das auch sogenannte Fakire im vormodernen Indien gerne zur Schau stellten. Die Dixons schienen diese Techniken zu meistern, die wohl für heutige Yogafans auch nach jahrzehntelanger Übung weder möglich wären noch erstrebenswert erscheinen. Doch wir befinden uns in der Zeit kurz nach dem 2. Weltkrieg, in der sich die öffentliche Meinung von Yoga teilweise noch stark vom heutigen gesundheitsbewussten Yogadiskurs unterschied.
Yoga galt vor siebzig Jahren im Spiegel, also in führenden deutschen Medien noch als exotische Technik mit Unterhaltungswert, von Indern in Turbanen zur Schau gestellt und mit einer gewissen Befremdlichkeit bewundert. Seitdem hat sich viel verändern müssen, damit Yoga zu dem massentauglichen Phänomen werden konnte, das es heute ist.
Als ich mich mit dieser Geschichte beschäftigte, fragte ich mich wieder und wieder, wie ein solches Schauspiel wohl heutzutage dargestellt und wahrgenommen werden würde. Bestimmt würde es viel medienwirksamer geteilt werden. Mit Sicherheit würden, wie damals auch, medizinische Untersuchungen veranlasst, mit wohl erstaunlichen Ergebnissen über Yoga Dixons Gehirn und seinen Körper. Aber seine Praktiken würden nicht Yoga genannt werden.
Warum?
Ich erinnere mich, wie ich, als Lehrerin einer Philosophiestunde in einer Yogaausbildung das Bild eines Sadhus, eines indischen Asketen zeigte, der eine unter Asketen (oder, ja, Yogins) traditionelle Praxis ausführt, bei der ein Arm in die Höhe gehalten und nie wieder abgesenkt wird, bis der Arm abstirbt (ūrdhva bāhu). Während ich mit einer gewissen erstaunten Bewunderung anhand dieses Phänomens darüber reflektierte, wie stark sich eine tiefe innere Überzeugung auf die Willenskraft und damit auch auf die Fähigkeiten des Körpers auswirken kann, waren die TeilnehmerInnen entsetzt über eine solche Praxis, über diesen asketischen Teil der Yoga-Geschichte.
Denn Yoga ist etwas anderes. Etwas Innerliches. Etwas Wohltuendes. Zwar etwas Transformierendes, aber nichts derart physisch Grenzüberschreitendes. Nichts potenziell Schmerzhaftes, sondern etwas Gesundes. Tatsächlich hat sich unsere westliche Meinung über Yoga zutiefst verändert. Von einem unterhaltsamen, orientalischen Zirkusstück hin zu einer zutiefst persönlichen Praxis.
Auch Gymnastik. Am geöhlten Holzpfahl, der zweite, ausführlichere Artikel über Yoga im Spiegel-Archiv zeigt, dass seit den 1940er Jahren sowohl im indischen, als auch im euro-amerikanischen Kulturraum enorm an der Definition und Wahrnehmung von Yoga gefeilt wurde. Der Artikel erschien bereits in der Ausgabe 38/1949, also ein Jahr später, was das Interesse der Deutschen am Phänomen Yoga zeigt, wenn auch vorerst als ZuschauerInnen. Und wie sollte es anders sein bei den Techniken, die damals Yoga genannt wurden.
Nach zwei Tagen gingen die Inder zu Münchener Bier, Hammelfleisch und Omeletten über.
Zum Hamburger Bürgermeister und 40 „prominenten Gästen“ wurde ein ganzes „Team indischer Yoga-Spezialisten“ zu einer Vorführung geladen:
„Das 28-Mann- plus zwei Frauen-Team, von Frei Indiens Regierung mit der orangeweiß-grünen Nationalfahne im Gepäck nach Europa geschickt, war von Indiens Sporthochschule Hanuman Vyayam Prasarak Mandal in Amraoti (Mittelindien) nach Stockholm gekommen, um an Schwedens Gymnastik-„Olympiad-Lingiade“, teilzunehmen. Sie hatten mit „Hoher Fakir-Schule“ Aufsehen erregt.“
Yoga wird hier als kunstvolle Gymnastikform betrachtet und wurde schon damals mit einem vegetarischen Lebensstil in Verbindung gebracht. Das allerdings wurde von den InderInnen selbst nicht so ernst genommen:
„Deutschlands einstiger Olympiade-Organisator, Professor Dr. Carl Diem, schloß telegraphisch die Deutschland-Tournee der Inder ab. Team-Chef Des Pande rückdrahtete etwas von vegetarischer Kost. Nach der ersten Mahlzeit auf deutschem Boden, bestehend aus geschabten Rüben, gab es leicht indisches Mißbehagen. So wörtlich hatte man es nicht gemeint. Hamburgs Ernährungsbehörde gab Reis frei. Es wurde laufend Curry serviert. Dazu Fruchtsaft und Wasser. Nach zwei Tagen gingen die Inder zu Münchener Bier, Hammelfleisch und Omeletten über.“
Neben diesem eher weichen Verständnis von Vegetarismus finden sich im Artikel viele auch für heutiges Yoga grundlegende Annahmen: Yoga sei eine Jahrtausende alte Technik, die der Körperbeherrschung diene, es gehe aber auch um Gesundheit sowie um das Meditieren über eine Gottheit. Der Artikel sagt sogar: „Durch die Regulierung der Atmung soll das vorübergehende Eins-Sein mit dem All, dem ‚Atman‘, schon auf dieser Welt ermöglicht werden.“
Neben solchen bekannten Motiven hatten die Inder für ihre Vorführungen allerdings auch „Säbel, Speere, Dolche und Streitäxte“ mitgebracht – inwiefern diese den im Artikel erwähnten Übungen dienten, durch die „die Lymphdrüse“ oder „die Leber in guter Funktion gehalten“ würden, wäre interessant zu erfahren. In jedem Fall begeisterten die InderInnen die 2000 ZuschauerInnen durch ihre „mystischen Verrenkungen“ an einem 3 Meter hohen geöhlten Holzpfahl.
Das Thema Selbstfindung, Sätze wie „höre auf Deinen Körper“ oder „respektiere Deine Grenzen“, solche innerlichen, emotionalen Motive des Yogas des 21. Jhs. fehlen jedoch auch hier, genau wie bei Yoga Dixons Praktiken. Es kann festgehalten werden, dass der Yoga der 1940er Jahre, wie er sich im Spiegel präsentiert, keine Übungsform für NormalbürgerInnen war.
Was also war Yoga? Kann man sie ‚Yogis‘ nennen, die sich von Lastern überfahren ließen, die zu Vorführungszwecken anreisten, mit Streitäxten übten und innerhalb kürzester Zeit von vegetarischer Kost auf Bier und Fleisch umstiegen …? Oder war das kein „echter“ Yoga?
Doch – meiner Ansicht nach kann man auch das Yoga nennen. Die Geschichte zeigt uns, wie viel verschiedenes Yoga war und auch heute noch ist.
Karl Baier (1998) und andere haben aufgezeigt, dass Haṭhayoga im Westen vom späten 19. Jahrhundert an erstmal mit Fakirtum gleichgesetzt wurde, und das dies eine gute Zeit lang so bleiben sollte. Prominent ist diese Ansicht zum Beispiel in Richard Schmidts Buch „Fakire und Fakirtum im alten und neuen Indien“ von 1908, in dem er als erster die Gheraṇḍa Saṃhitā übersetzt. Dieser späte Haṭhayoga-Text aus dem 18. Jh gilt heute zusammen mit Haṭhapradīpikā, Gorakṣaśatakaund Śivasamhitā als eines der vier grundlegenden Werke des Haṭhayogas.
Yoga auf der einen Seite mit Fakirtum oder auf der anderen Seite mit Gymnastik gleichzusetzen lag tatsächlich nicht fern, denn wie die Spiegelartikel zeigen, verbreiteten InderInnen selbst dieses Bild im Westen bis in die 1940er Jahre hinein. Zudem erzählen auch die erwähnten Haṭhayoga-Texte (wenngleich das nicht alle tun) wiederholt von Praktiken, die den Körper unterdrücken.
Gleichzeitig wurde Haṭhayoga in Deutschland auch schon vor und während des 2. Weltkriegs, in den 1930er Jahren als Entspannungs- und Körpertechnik vermittelt, bekannt ist hier vor allem noch die Arbeit von Boris Sacharow, ein Brief-Schüler Swāmi Śivānandas. Doch wie sein Lehrer hab auch Sacharow seine Yogapraktiken erstmal auf dem Postweg und mehr oder weniger heimlich weiter, bevor er seine Lehren in den 1950er Jahren in Buchform veröffentlichte. Yoga „für jeden“ sollte sich erst ab den 1950er-Jahren langsam in Deutschland ausbreiten.
Bis sich allerdings das öffentlichkeitswirksame Bild von Yoga, um das es in diesem Artikel ging, hin zu einer allgemeinverträglichen Bewegungs- und Entspannungstechnik verwandelt hatte, sollten noch einige Jahre ins Land gehen.
Buchtitel von TV-Star und Deutschlands erster bekannter Yogalehrerin Kareen Zebroff, 1976